Augenflecken
Augenflecken sind kreisförmige Flügelzeichnungen, die ein Wirbeltierauge imitieren und von Schmetterlingen entweder zum Erschrecken von Fressfeinden oder zum Ablenken von Angriffen weg von lebenswichtigen Körperteilen genutzt werden.

Definition
Augenflecken sind annähernd kreisförmige Flügelzeichnungen, meist aus konzentrischen Ringen kontrastierender Farbe zusammengesetzt, die optisch einem Wirbeltierauge ähneln. Sie kommen bei Schmetterlingen und Motten weit verbreitet vor und gehören zu den am besten untersuchten Beispielen dafür, wie ein einfaches visuelles Muster einer spezifischen, überprüfbaren Anti-Fressfeind-Funktion dienen kann, statt bloß zur Schau zu existieren.
Trotz ihrer oberflächlichen Ähnlichkeit zwischen den Arten sind Augenflecken keine einheitliche Strategie — Biologen unterscheiden je nach Größe, Position und Sichtbarkeit des Augenflecks mindestens zwei verschiedene Verteidigungsmechanismen.
Ablenkung: kleine Augenflecken am Flügelrand
Kleine Augenflecken nahe dem äußeren Flügelrand wirken durch Ablenkung: Ein Fressfeind, besonders ein Vogel, zielt bei einem flüchtenden Ziel tendenziell auf den auffälligsten Teil, und ein heller Randaugenfleck lenkt diesen Angriff auf ein entbehrliches Flügelstück statt auf den Körper des Schmetterlings. Ein Schmetterling, der durch einen abgelenkten Angriff ein Flügelrandstück verliert, überlebt und kann oft noch recht gut fliegen, während ein auf den Körper gerichteter Angriff tödlich wäre. Viele Perlmuttfalter und Wiesenvögelchen, darunter Arten wie der Kardinal (Argynnis pandora), tragen genau diese Art von kleinem Randaugenfleckenmuster.
Einschüchterung: große, plötzlich enthüllte Augenflecken
Große Augenflecken, oft auf einer Flügelfläche verborgen, die im Ruhezustand des Schmetterlings verdeckt bleibt, wirken über einen anderen Mechanismus: Schreck oder Einschüchterung. Bei Störung enthüllt der Schmetterling abrupt die verborgenen Augenflecken — indem er zusammengefaltete Flügel aufschnellen lässt — und präsentiert einem Fressfeind, besonders einem kleinen Vogel, ein plötzliches Muster, das den Augen eines größeren Tieres ähnelt. Das dadurch ausgelöste kurze Zögern reicht oft aus, damit der Schmetterling entkommen kann. Manche Verwandte des Blauen Morphofalters (Morpho peleides) und Eulenfalter nutzen übertriebene Versionen dieser Strategie, mit Augenflecken, die groß genug sind, um die gesamte Flügelfläche zu dominieren.
Warum die Funktion von Augenflecken überprüfbar ist
Die Funktion von Augenflecken ist einer der seltenen Fälle in der Evolutionsbiologie, in denen die adaptive Hypothese direkt experimentell getestet wurde: Forscher haben Größe, Anzahl und Sichtbarkeit von Augenflecken an lebenden und modellhaften Schmetterlingen manipuliert und die Reaktion wilder Fressfeinde gemessen, wobei sich konsistent zeigte, dass größere, augenähnlichere Flecken Angriffe wirksamer abschrecken als kleinere oder asymmetrische, und dass Randflecken speziell die Rate überlebbarer Flügelrandschäden im Verhältnis zu tödlichen Körpertreffern erhöhen.
Siehe auch: Mimikry und Tarnung bei Schmetterlingen, Aposematismus.


